Gehirnforschung und "Nationale Sicherheit"




Das US-Militär hat starke Interessen, in die Neurowissenschaften zu investieren. Gearbeitet wird u. a. an Robotern, die per Gedankenkraft ferngesteuert werden, an Verhörtechniken, die Lügen durch Gehirnscans aufdecken, und an Soldaten, die angstfrei aus der Schlacht heimkehren.







ETHIK
Vor einer allzu heftigen Umarmung von Gehirnforschung und militärischen Interessen warnen nun die Bioethiker Jonathan Moreno von der University of Pennsylvania und Michael Tennison von der Wake Forest University in einem Artikel.


Natürliche Fähigkeiten verbessern
Verglichen mit den über 600 Milliarden US-Dollar des jährlichen US-Militärbudgets sind die 350 Millionen, die 2011 von Seiten des Pentagons in neurowissenschaftliche Forschung gesteckt wurden, nicht allzu viel. Anfangen lässt sich damit aber dennoch eine Menge. Wie immer ganz vorne steht, wenn die Entwicklung neuer Techniken gefragt ist, die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA).

Die Ideenschmiede des US-Militärs arbeitete schon vor Jahren im Rahmen ihres Projekts zu Augmented Cognition etwa an idealen Cockpits für Kriegsflugzeuge. Basis waren die Gehirnaktivitäten der Piloten, Ziel war es, eine ablenkungsfreie Umgebung zu konstruieren, in der sie ihrer Tätigkeit möglichst konzentriert nachgehen können.

Bei einem neuen Gefahrenwarnsystem geht es darum, unbewusste neurologische Aktivitäten des Gehirns in bewusste Information zu verwandeln und Soldaten somit früher vor möglichen Gefahren zu warnen. Auch eine Reihe weiterer Forschungsansätze in diesem Projekt zielen darauf ab, die natürliche Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen mit Hilfe von Gehirnsignalen zu verbessern.



Aufputschen des Gehirns
Dieses Vorhaben hat eine lange Tradition. Die Nazis etwa ließen Soldaten und Piloten Methamphetamine schlucken, um ihre Belastbarkeit und Ausdauer zu erhöhen. Was später als Crystal Meth zum Problem für die Drogenbekämpfer wurde, trug damals zu den Blitzkriegerfolgen von Luftwaffe und Wehrmacht bei.

Über die Vor- und Nachteile unterschiedlicher aufputschender Substanzen wurde in einer Studie der US-Armee 2008 diskutiert, die Moreno und Tennison zitieren. Dass ihre Einnahme auch im Sinne der Militärs unangenehme Folgen haben kann, zeigt ein Beispiel von 2003. Damals töteten zwei "US-Piloten auf Speed" unabsichtlich vier kanadische Kollegen in Afghanistan.

Ob auch der aktuelle Fall eines US-Soldaten, der absichtlich 16 Zivilisten in Afghanistan tötete, mit pharmakologischen Substanzen zu tun hat, ist bisher unklar. Seine Anwälte scheinen aber bereits eine Verteidigungslinie gefunden zu haben, die ebenfalls mit dem Gehirn zu tun hat. Der Soldat habe unter einer traumatischen Gehirnverletzung mit anschließender posttraumatischer Belastungsstörung gelitten, heißt es in einem Artikel in "Nature".


Non-invasive Techniken
Das Gehirn kann jedenfalls nicht nur chemisch manipuliert und "verbessert" werden, sondern auch von außen. Die US-Armee denkt dabei etwa an Transkraniale Magnetstimulation und an die Direct Current Brain Polarization. Beide Techniken können non-invasiv - also ohne physisch in das Gehirn einzudringen - die Lern- und Gedächtnisfunktionen beeinflussen.

Es geht dabei aber nicht immer nur um Verbesserung, sondern in gewissem Sinn auch um Verschlechterung von Gehirnleistung. Angst vor und Traumata nach einem Kampfeinsatz sollen nämlich künstlich reduziert werden. Möglich ist das bereits durch die Einnahme des Stoffes Propranolol, wie eine Studie gezeigt hat.

Zunehmende Entfernung vom Feind
Ein wichtiges Einsatzgebiet im militärischen Bereich spielen Brain-Computer-Interfaces (BCI): Diese Schnittstellen zwischen menschlichem Gehirn und Computern werden medizinisch etwa für die Steuerung von Prothesen bei amputierten Unfallopfern verwendet.

Der Traum des Pentagons ist es dabei, ferngesteuerte Roboter oder Vehikel zu entwickeln, die eines Tages den direkten physischen Kontakt auf dem Schlachtfeld obsolet machen. Was, wie Moreno und Tennison anmerken, der Höhepunkt einer Entwicklung wäre, in der sich Freund und Feind räumlich immer mehr voneinander entfernt haben - von den Feuerwaffen über die Flugzeuge bis zu den Drohnen von heute.

Neue Verhörtechniken
Eine dritte Einsatzmöglichkeit der modernen Gehirnforschung sehen die beiden Bioethiker in den Verhörtechniken. Die Frage, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt, hat die Wissenschaft zwar schon in der Vergangenheit mit allerlei Instrumentarien versucht zu beantworten - etwa mit den Polygraphen, die verschiedene Körpersymptome wie Puls oder Atmung gleichzeitig maßen. Mit bestimmten EEG-Techniken und funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) geht das aber exakter (z.B. No Lie MRI), weshalb entsprechende Studien auch von der DARPA gefördert wurden.

Ob man von der Gehirnaktivität direkt auf psychische Phänomene oder das Bewusstsein schließen kann, ist in den gesamten Neurowissenschaften umstritten. Insofern ist es kein Wunder, dass dies auch die Frage betrifft, ob MRTs tatsächlich zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden können. Moreno und Tennison geht es in ihrem Artikel aber weniger um die innerfachlichen Auseinandersetzungen als um die ethischen Implikationen, die eine allzu enge Verflechtung militärischer und neurowissenschaftlicher Forschung mit sich bringt.

Vorbilder aus der Kernphysik
Für ein gutes Zeichen halten sie den Umstand, dass ihr gesamter Artikel auf öffentlich zugänglichem Wissen basiere. Transparenz sei besser, als wenn die Forschung zur "Nationalen Sicherheit" nur mehr geheim und im Untergrund betrieben wird. Das erleichtere die Diskussion über ihre Folgen, betonen die Bioethiker.

Den Neurowissenschaftlern raten sie dazu, bewusster mit den Interessen ihrer Förderer umzugehen. Sie sollten sich auch dafür engagieren, allgemeine Richtlinien zu entwickeln, wie mit den Früchten ihrer Arbeit in Zukunft umgegangen wird.

"So wie viele Kernphysiker gegen die Entwicklung von Atombomben waren und zum Verbot von Kernwaffentests in den 1960er Jahren beigetragen haben, könnten nun auch die Neurowissenschaftler ihre Ansichten über die militärischen Folgen und ethischen Fragen ihrer Arbeit öffentlich bekunden."

Quelle: Lukas Wieselberger, ORF Science




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen